Forschungsvorhaben - Projekte - Dissertationen

 

 

Laufende Arbeiten Prof. Dr. Peter Orth

Ein Bestseller des Hochmittelalters: Die Briefe Hildeberts von Lavardin (gest. 1133)

Die lateinische Briefliteratur des Hochmittelalters ist ein überaus reiches und nur selten gründlicher bearbeitetes Feld mit einer verwirrenden Vielfalt der Bestände in der handschriftlichen Überlieferung. Einer der beliebtesten und als stilistisches Vorbild empfohlenen Autoren ist Hildebert von Lavardin (Bischof von Le Mans und Erzbischof von Tours), sowohl als Dichter wie als Briefschreiber. Auf der Grundlage meiner im Jahr 2000 abgeschlossenen Habilitationsschrift entsteht derzeit eine kritische Ausgabe seiner in mehr als 100 Handschriften überlieferten Briefe.

 

Ein Medienereignis vor 500 Jahren: Der Landshuter Erbfolgekrieg 1504

Der Landshuter Erbfolgekrieg um das Erbe Herzog Georgs des Reichen von Bayern-Landshut scheint ein "Medienereignis" ersten Ranges gewesen zu sein: Rochus von Liliencron trug in seiner Sammlung der historischen Volkslieder der Deutschen sechzehn Lieder und Sprüche zusammen, die, unmittelbar nach den behandelten Ereignissen verfaßt, mündlich und teilweise auch im Druck als Flugblätter verbreitet wurden. Weniger beachtet wurden die zahlreichen lateinischen Gedichte und Prosadarstellungen des Konfliktes aus der Feder teils berühmter süddeutscher Humanisten. Zu den umfangreichsten gehört mit ca. 2300 Hexametern das ungedruckte Carmen de bello Norico des Aldersbacher Zisterziensers Wolfgang Marius (1469-1544), dessen kommentierte Ausgabe weitgehend abgeschlossen ist.

Vorarbeiten: Peter ORTH, Artikel Marius, Wolfgang (zum Druck angenommen für: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon, Bd. 2)

 

Lateinische Dichtungen der Karolingerzeit: MGH Poetae Latini medii aevi, Bd. 6, 2

In der Reihe Poetae Latini medii aevi der Monumenta Germaniae Historica erscheinen kritische Editionen lateinischer Dichtungen der Karolinger- und Ottonenzeit (8. - 11. Jahrhundert). Das Textcorpus der Poetae Latini medii aevi präsentiert in einzigartiger Geschlossenheit die frühmittelalterliche lateinische Dichtung. Ihr Spektrum reicht von epischen Großdichtungen über Herrscher und Heilige bis zu kleinen und kleinsten Versprodukten, von ambitionierten Kunstwerken, die mit den aus der Antike überkommenen Vorbildern selbstbewußt konkurrieren, bis zu kunstlosen und nicht selten metrisch bedenklichen Schreiberversen. Zwischen 1880/1881 und 1979 wurden hier sechs Quartbände mit zusammen ca. 4400 Seiten publiziert. Zur Zeit entsteht Band 6, 2 mit Nachträgen zur Dichtung der Karolingerzeit.

Zum Stand der Arbeiten vgl. http://www.mgh.de/~Poetae/Poetae.htm.

 

Eine anonyme Psalmenparaphrase aus Tours

Vermutlich ein Mönch aus Marmoutier bei Tours verfaßte gegen Ende des 11. Jahrhunderts eine metrische Paraphrase des Psalters und gelangte mit seinem Unterfangen immerhin bis zum 75. Psalm, die Fortsetzung und die den Psalter komplettierenden alt- und neutestamentlichen Cantica bearbeitete er dann in Prosa (Stegmüller 11230; Walther 11805). Sein opus magnum ist in einer gleichzeitigen Handschrift, Tours, Bibliothèque Municipale, ms. 90, erhalten und nicht ediert: Wäre diese nicht am Anfang defekt, harrten wohl annähernd 18.000 Verse eines Editors, und hätte der Anonymus nicht sein Konzept verworfen, wären es sicherlich mehr als 30.000 Verse und damit die umfangreichste metrische Dichtung des lateinischen Mittelalters geworden. Der Umfang des Erhaltenen ist gleichwohl beachtlich: ca. 12.000, zeittypisch meist einsilbig leoninisch gereimte Hexameter. Massive Eingriffe in den Textbestand, wie auf Rasur ersetzte oder marginal inserierte Verse, machen es wahrscheinlich, daß die unikale Überlieferung teilweise autograph ist. Das umfangreiche Manuskript, das auf 255 Folien ausschließlich die Bearbeitung des Psalters enthält, gibt keine genaueren Hinweise auf die Identität des Autors.

Vorarbeiten: Peter ORTH, Metrische Paraphrase als Kommentar: Zwei unedierte mittelalterliche Versifikationen der Psalmen im Vergleich, in: Proceedings of the Fifth International Congress for Medieval Latin Studies (Toronto 2006), fascicle one (The Journal of Medieval Latin 17, 2007), Turnhout 2008, S. 189-209. Die Versifikation ist inzwischen vollständig transkribiert; eine provisorische Ausgabe seiner Version der Psalmen 14-16, 22-23, 58, des metrischen Epilogs sowie der Anfang des Prosakommentars zu Psalm 76, ferner die Abhandlung des Anonymus über Ioh. 6, 57, die in der Handschrift zwischen der Versifikation des 75. Psalms und dem Epilog nachträglich gestrichen wurde, ist zugänglich unter: http://www.mgh.de/~Poetae/Texte/.

 

Hagiographische réécriture im 12. Jahrhundert:

A. Eine rhythmische Bearbeitung der Dionysius-Vita Hilduins von Saint-Denis aus dem 12. Jahrhunderts

Kritische Ausgabe der rhythmischen Vita Walther 14352a (BHL 2190; Inc.: Postquam fortis victor mortis genitus per virginem). Manuskript abgeschlossen.

Vorarbeiten: Peter ORTH, Bekanntes neu erzählen: in Versen. Bemerkungen zu zwei unedierten poetischen Bearbeitungen der Vita des heiligen Dionysius nach der Prosafassung Hilduins von Saint-Denis, in: Dichten als Stoff-Vermittlung. Formen, Ziele, Wirkungen. Beiträge zur Praxis der Versifikation lateinischer Texte im Mittelalter, hg. von Peter STOTZ unter Mitarbeit von Philipp ROELLI (Medienwandel - Medienwechsel - Medienwissen 5), Zürich 2008, S. 99-118.

 

B. Der heilige Martin im 12. Jahrhundert: Der Libellus panegyricus Wiberts von Gembloux

Peter Orth zusammen mit studentischen Mitarbeitern

Wibert von Gembloux ist dem heiligen Martin persönlich verbunden: Eine Pilgerfahrt führte ihn in den 80er Jahren des 12. Jahrhunderts nach Tours, und einige Jahre (bis 1187) verbrachte er in Marmoutier bei Tours. Und so möchte Wibert seine Vita vor allem als persönliches Zeugnis für seine Martinsverehrung verstanden wissen: mihi ipsi satisfecisse. Über seine Intentionen sind wir durch die an den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg adressierte Prosavorrede außergewöhnlich gut unterrichtet. Wibert möchte Martin plastisch als nachahmenswertes Vorbild, als specular und exemplar, gerade für Bischöfe vorstellen: ut non satelles regum, quod in usum hodie degeneri sacerdotum inconstantia transisse dolemus, sed ipsorum imperator regum censeretur. In seiner Biographie fänden sich numerosiora et expressiora virtutum ipsarum experimenta wie bei keinem anderen. Wibert rekurriert nach eigenen Worten mit einer Ausnahme nur auf schriftliche Quellen. Ihre Dokumentation steht im Mittelpunkt der laufenden Editionsarbeiten. Eine Transkription der unikalen Überlieferung liegt bereits vor.

 

Materialien zu einem Lexikon der irregulären lateinischen Prosodie

Peter Christian Jacobsen und Peter Orth

Als Hilfsmittel für die eigenen Editionsarbeiten im Bereich der metrischen Dichtung und im Zuge der Veröffentlichung im Internet auch für die Fachkollegen wurde eine umfangreiche Sammlung prosodischer Unregelmäßigkeiten in den lateinischen Dichtungen von der Antike bis zum Ende des 12. Jahrhunderts (und darüber hinaus vereinzelt auch bis ins spätere Mittelalter) angelegt, die es ermöglicht, künftig besser zwischen Kopistenfehlern, Unkenntnis und bewußt von den Autoren ausgenutzten Lizenzen zu unterscheiden, also die Regeln des Irregulären zu erkennen. Zur Konzeption und Vorgeschichte des Unternehmens vgl. Peter Christian JACOBSEN, Prosodie und Metrik als Mittel der Textkritik, in: La critica del testo mediolatino, a cura di Claudio LEONARDI (Biblioteca di .Medioevo Latino. 5, 1994) S. 147-171.

Elektronische Fassung der Materialien unter: http://www.mgh.de/~Poetae/Prosodie.htm.

 

Paläographie-Online:

http://www.palaeographie-online.de

Georg Vogeler und Peter Orth

Unser Wissen über Antike und Mittelalter beruht zu einem großen Teil auf handschriftlichen Quellen. Paläographie-Online ist eine zweisemestrige Einführung in das Lesen, Übertragen (Transkribieren) und Beschreiben lateinischer Handschriften von der Antike bis in die frühe Neuzeit. Sie richtet sich an Studierende der mediävistischen Philologien, Buchwissenschaft und historischen Wissenschaften, deren Quellen handschriftlich überliefert sind. Schritt für Schritt werden Sie mit den Schriften, ihren Merkmalen, ihrer Entwicklung vertraut gemacht und trainieren eigenständig Ihre Lesefertigkeit. Nebenher wird Ihnen grundlegendes Wissen über das handschriftliche Buch und die Überlieferung von Texten in Antike und Mittelalter präsentiert. Unterstützt werden Sie von uns durch Musterlösungen und Tutorien. Paläographie Online umfaßt zwei Kurse mit jeweils 13 Lerneinheiten. Thema des ersten Kurses sind Schriftentwicklung, Buch- und Urkundenwesen der Antike und des frühen Mittelalters (1.-11. Jahrhundert), der zweite Kurs ist Hoch- und Spätmittelalter gewidmet (11.-16. Jahrhundert). Derzeit wird ein dritter Kursteil (Paläographie der Neuzeit) konzipiert.

  

Die Kunst der Schmeichler. Eine neue Ausgabe des Palpanista Bernhards von der Geist

Die Frage, ob und wie man als Schmeichler – palpo, scurra, parasitus, nebulo, adulator, segero, momimus – bei einem Herrn reüssieren kann, ist Gegenstand eines Streites, den ein altgedienter miles und und sein Kontrahent Bernardus, der Verfasser des Gedichtes, austragen. In etwas mehr als 1000 teils leoninisch, teils endgereimten Hexametern unterrichtet der miles über Techniken des Schmeichelns und garniert seine Ausführungen mit Musterreden für allerlei Situationen, denen Bernardus zunächst nur wenig entgegenzusetzen hat.

Der Palpanista entstand um die Mitte des 13. Jahrhunderts; als Verfasser gilt der aus einem westfälischen Rittergeschlecht stammende Bernhard von der Geist, der urkundlich zwischen 1228 und 1246 als notarius des Bischofs von Münster bezeugt ist. Von der Popularität der Dichtung zeugen eine relativ reiche handschriftliche Überlieferung und zwei frühe Drucke.


Die neue zweisprachige Ausgabe wird auch die Glossen der Handschriften auszugsweise dokumentieren. An der Ausgabe arbeiten Dr. Ursula Kruschel, Jitka Ehlers M.A., Sabine Tiedje M.A. und Dr. Herbert Großmann mit.

Laufende Arbeiten Prof. Dr. Udo Kindermann

Europäische Kunstdenkmäler zwischen Verona und Neapel im 17. Jahrhundert. Edition eines lateinischen Reiseberichts des Daniel Papebroch

Als Gemeinschaftswerk einer Forschergruppe wird erstmals ein umfänglicher und detaillierter Reisebericht in lateinischer Sprache ediert, in dem der jesuitische Gelehrte Daniel Papebroch die Kunstdenkmäler beschreibt, deren er auf seiner Reise im Jahre 1661-62 gewahr wurde. Die Reise führt vom Trentino über Ancona, durch den Umbrischen Apennin nach Rom und Neapel, zurück über Rom, Florenz, Paris nach Antwerpen. Der Edition werden eine Übersetzung und ein Kommentar beigegeben. Die Beschreibung der Kunstgegenstände hat hohen dokumentarischen Wert. Viele Einzelobjekte hauptsächlich sakraler Kunst sind ausschließlich hier beschrieben.

Vorarbeiten: Udo Kindermann, Kunstdenkmäler zwischen Antwerpen und Trient: Beschreibungen und Bewertungen des Jesuiten Daniel Papebroch aus dem Jahre 1660. Erstedition, Übersetzung und Kommentar, Köln - Weimar - Wien 2002

 

 

In der Mittellateinischen Abteilung derzeit entstehende Dissertationen

 

Sabine TIEDJE:

Peter von Rosenheim (gest. 1433), Roseum memoriale divinorum eloquiorum. Untersuchungen und kritische Ausgabe

 

Mario-Marcel WASSERFUHR:

Die Briefsammlung Gaufrids von Breteuil.
Kritische Edition und Studien.

 

Alexandra Patricia WOLF:

Der Palpanista Bernhards von der Geist. Edition, Kommentar und Übersetzung (Arbeitstitel)